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Interview mit Yvonne Mühlematter «Sensetaler» September 2011
Brigitta Wider, sie verarbeiten in «Späte Rosen» Ihre Erfahrungen mit Ihrem pflegebedürftigen Vater. Wie hat sich dadurch Ihre Beziehung zu ihm verändert?
Unsere Beziehung hat sich sehr intensiviert. Durch den Umstand der Beeinträchtigung von Bewegung, Sprache und Gehör ergibt sich die Notwendigkeit, sich auf das Wichtige und Wesentliche zu beschränken. Unsere Kommunikation wurde zu einem ehrlichen und sehr nahen Dialog, wofür ich sehr dankbar bin.
Weshalb haben Sie Ihre Erlebnisse mit Ihrem Vater aufgeschrieben?
Schreiben war für mich schon immer eine unverzichtbare Möglichkeit, mich mit meinen Lebens-Fragen auseinanderzusetzen.
Beim zu Papier bringen wird vieles klarer und lässt sich besser analysieren und einordnen. Manchmal ergeben sich daraus überraschende Erkenntnisse und Antworten.
Ihr Buch dreht sich um das Loslassen von kleinen und grossen Dingen. Wie haben Sie selbst das Loslassen erlebt?
Das Loslassen habe ich zu Beginn als sehr schmerzhaft empfunden. Durch die positive Wendung unserer Geschichte habe ich erfahren, dass Loslassen auch befreiend sein kann.
Zum Beispiel das Loslassen von unrealistischen Erwartungen an uns selbst, an andere, oder an Gegebenheiten die unverrückbar und nicht mehr zu ändern sind.
«Was bedeutet eigentlich alt?», fragen Sie. Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?
Für mich beinhaltet das Wort alt das Adjektiv wertvoll. Nicht der äusserliche Wandel oder der körperliche Leistungseinbruch machen uns alt, sondern das Erstarren in der Gewohnheit und die Verweigerung des Neuen und Unbekannten. Mit grossem Respekt erlebe ich Tag für Tag, wie alte Menschen trotz ihren Einschränkungen und Behinderungen die Lebensfreude und ihre Lebenslust nicht verloren haben.
Sie sprechen den schwierigen Wechsel zwischen der Welt im Altersheim und Ihrer eigenen Welt an: «Den Mut und die Kraft aufbringen, nach einem Besuch bei dir wieder zu gehen. Zurück in mein Leben, zurück in meine eigene Welt.» Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich hatte oft den Eindruck, aus der entschleunigten - wie mir manchmal schien , menschlicheren Welt des Heims, in eine ganz andere, viel hektischere Welt zurückzukehren.
Mit der Zeit fand ich Strategien, besser damit umzugehen, indem ich mir bewusst Raum gab.
Musik hörte, Spaziergänge machte oder etwas Spannendes las.
Ihre Geschichte vergleichen Sie mit einem unsichtbaren Rucksack, dessen Gewicht manchmal schwer auf den Schultern lastet. In diesem Zusammenhang erwähnen Sie Ihre Kindheitserinnerungen und den strengen Vater. Hat sich durch die Auseinandersetzung mit Ihrem Vater Jahre das Gepäck verändert beziehungsweise ist es leichter geworden?
Mein «Erfahrungs-Gepäck» ist sehr viel leichter geworden. Vor allem, weil mir diese intensive Zeit mit meinem Vater die Gelegenheit bietet, aufzuarbeiten, loszulassen und vieles aus der Distanz der Jahre zu betrachten und zu vergeben. Oder auch einfach nur stehen zu lassen.
Gibt es eine Aussage, die sie den Lesern mitgeben möchten.
Vielleicht meine überraschende Erkenntnis, dass das Älterwerden nicht primär Nachteile mit sich bringt. Und dass das Alter an sich nicht nur ein «schändlicher Dieb»sein muss.
Dass auch das kleinste und unscheinbarste Mosaiksteinchen Leben «Glück» bedeuten kann.
Das lebt mir mein Vater vor.
Buchrezension im Katalog des Schweizerischen Bibliotheksdienstes September 2011
Wider, Brigitta
Späte Rosen : Mein Vater, das Leben und ich / Brigitta Wider. – Oberengstringen : Claudia Wartmann Natürlich, 2011. – 201 S.
Die Schriftstellerin, Bibliothekarin und Familienfrau aus Freiburg (CH) kennt sie, die ganze Palette der Gefühle einer Tochter, deren betagter Vater nach einer Gehirnblutung in ein Pflegeheim übersiedeln muss. Seine halbseitige Lähmung verunmöglicht das Leben in der gewohnten Umgebung zu Hause. Die regelmässigen Besuche beim Vater sind der Stoff, den die Autorin in diesem Buch zu einer berührenden Annäherung an den strengen, in Armut aufgewachsenen Vater verwebt. Zugleich fügt sie in ihre Aufzeichnungen Betrachtungen zum eigenen Älterwerden, zu den gesellschaftlichen Fragen der Betreuung alter Menschen, zu Überforderung und Schuldgefühlen Angehöriger. Kurze Gedichte zum Thema und eingeflochtene Zitate aus dem Bücherregal der Autorin (mit Quellenangaben) lockern auf. Das Buch ist sehr gut lesbar, kurze Kapitel (eine Seite), die inhaltlich in einem losen Zusammenhang stehen. Es gibt eine stattliche Anzahl Bücher zu diesem Thema, dieses ist eine Perle, schön gestaltet, lebensnah und hilfreich für alle Betroffenen. Wärmstens empfohlen.
DK 172.6
Brigitta Gerig-Wildermuth, Bibliothekarin der Uni Klinik Zürich
Echo aus den Freiburger Nachrichten vom Donnerstag, den 30. März 2009
Das neue Werk der 53jährigen Brigitta Wider aus Heitenried enthält 35 Texte und 4
Aquarelle zu den Jahreszeiten. Mit «Herzensfunken» ist bereits im Herbst 2007 ihr erster
Lyrikband erschienen, der kurze Zeit später eine 2. Auflage erlebte.« Ich freue mich sehr
darüber, dass diese Art Poesie aus dem Alltag zu berühren vermag», sagt die Autorin. In
klare Wortbilder gefasst, handelt ihr 2. Poesieband von Fragen und Gedanken, die uns alle
tagtäglich beschäftigen. «Einige Texte wollen zum Nachdenken anregen, andere sind eher
mit einem kleinen Augenzwinkern zu geniessen; Alltagspoesie mit einem versöhnlichen
Blick aufs Leben», erklärt Brigitta Wider. Den Stein ins Rollen gebracht hat die Sendung
«Siesta» auf Radio DRS 1 zum UNESCO Welttag der Poesie, in der sie ihre Texte vorstellen
durfte. Danach wurde sie mit Anfragen überhäuft, ob die Texte nicht in Buchform erhältlich
seien – und «Herzensfunken» war geboren. Wenig später erschien «Der Hauch des
Schmetterlings», ein Buch zum Thema Trauer und Hoffnung.
Brigitta Wider schreibt seit ihrer Jugend Gedichte und Prosa. «Lyrik mag ich besonders, weil
es mit ihr möglich ist, mit wenigen Worten ein Gefühl sehr genau auszudrücken. Oder
anders gesagt, mit wenigen Worten viel zu sagen», sagt die ehemalige Bibliothekarin.
– Karin Aebischer